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Altes Schiff, neues Leben

Es wird wohl noch Stunden dauern, bis all die ReissĂ€cke, Velos, HĂŒhnerkĂ€fige und in TĂŒcher verschnĂŒrte KleiderbĂŒndel aufs Schiff geladen sind. Also setze ich mich am Rand des Piers auf meinen Rucksack und beobachte das geschĂ€ftige Treiben. Auf dem Kopf werden alle möglichen Lasten die steile Passerelle hinauf aufs Deck gehievt. Es wird hin und her geeilt, diskutiert und gedrĂ€ngelt, wĂ€hrend langsam die Sonne untergeht. Die warme Abendluft riecht nach Diesel, Fisch und Freiheit.

Bevor es ganz dunkel ist, schultere ich ebenfalls meinen Rucksack und steige an Bord der legendĂ€ren “Ilala”. Ende des zweiten Weltkriegs wurde sie in England gebaut und in Einzelteilen nach Afrika verfrachtet. Seither ist der 600-Tonnen Kahn auf dem Niassa-See im Einsatz. In den engen GĂ€ngen der zweiten Klasse steige ich ĂŒber Berge von GepĂ€ck und Passagiere, die Karten spielen, essen oder am Boden schlafen. Die Schiffsmotoren brummen schon und das GelĂ€nder der Leiter vibriert, als ich aufs Oberdeck hochklettere. Im Windschutz einer StahlbrĂŒstung mit weiss ĂŒbermalten Eiffelturm-Nieten deponiere ich meine GepĂ€ck und rolle meine Matte aus.

Es kommt mir wie Ewigkeiten vor, seit ich vor fĂŒnf Tagen in Dar es-Salaam den ganzen Tag am Bahnhof sass, bis der TaZaRa Zug mit 12 Stunden VerspĂ€tung abfuhr. Dann die Zugreise: In der offenen WagentĂŒre sitzend die Tansanische Savanne vorbeiziehen lassen. Mit den anderen GĂ€sten im Speisewagen am Fernseher Amerikanisches Wrestling schauen. Dann in Mbeya umsteigen auf den vollgestopften Minibus bis an den staubigen Grenzposten zu Malawi. Und nun per Ilala ĂŒber den See
 Da kĂŒndigt ein ohrenbetĂ€ubendes Horn die Abfahrt an. GemĂ€chlich gleiten wir aus Nkhata Bay auf den schwarzen See hinaus.

“You going to Mozambique?” Neben mir lehnt sich ein Ă€lterer Herr mit gegerbtem Gesicht und ausgefranster Safari-Weste an die Reling. Mosambik sei nĂ€mlich eines der wenigen LĂ€nder, die noch fehlten auf seiner Liste. Unaufgefordert fischt er einen zerfledderten Zettel aus der Brusttasche, auf den er schon ĂŒber hundert LĂ€ndernamen gekritzelt hat. Sie wollten ihn nicht mehr haben, zuhause in England, also bereise er halt die ganze Welt. Übrigens habe er nur ein Ticket fĂŒr die dritte Klasse, aber er habe doch keine Lust, auf den FischsĂ€cken zu schlafen! (Am nĂ€chsten Tag ruft der KapitĂ€n ĂŒber den Lautsprecher aus, wenn der Alte sich noch einmal aufs Oberdeck schleiche, lasse er ihn ĂŒber Bord werfen.)

Nach einem lustigen Abend mit neuen Bekanntschaften liege ich rĂŒcklings auf meiner Matte, ĂŒber mir die Milchstrasse und das Kreuz des SĂŒdens. Die Motoren rumoren noch immer durch das ganze Schiff, aber auf Deck ist es still. Vor ein paar Monaten war ich noch Banker in London, und jetzt
 ja, was bin ich jetzt? Das wird sich wohl noch zeigen, je nachdem, was aus all meinen PlĂ€nen wird, wenn ich am anderen Ufer in Metangula ankomme.

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